Kompendium der Bildstörungen beim Analogen VideoNaemi Reymann ~ Wie schütze ich meinen „Schatz“? Diese Frage stellt nicht nur Gollum aus dem „Herrn der Ringe“, sondern interessierte Laien wie Betreuende von audiovisuellem Kunst- und Kulturerbe in Sammlungen und Archiven vor Herausforderungen. Denn um analoge Videos zu erhalten, braucht es nicht nur die fachgerechte Lagerung von Magnetbändern, sondern auch das korrekte Sichten, Identifizieren und Beheben von Bildstörungen.

Allein die unterschiedlichsten Kassetten- und Bandformate im analogen Videofilm werfen bei vielen bereits Fragen auf. Umso mehr noch beim Umgang mit Störungen und Fehlern. Gerade in der heutigen Zeit der Digitalisierung erhält das Thema Analog-Videomaterial eine neue Relevanz. Denn nichts ist ärgerlicher, als wenn bei der Digitalisierung ungewollte Bildstörungen, die durch Schäden am Videoband, am Gerät oder durch Bedienfehler entstehen können, irreversibel in den (künstlerischen) Bildinhalt einkopiert werden. Filmschaffende sind selten über nachhaltig manipulierte Werke glücklich!

Im Gegensatz zu Gollum gibt es für uns in der „realen Welt“ eine Chance auf ein „Happy End“: Die Rettung naht in Form eines reich illustrierten, zweisprachigen Kompendiums als umfassendem Ratgeber für die Identifikation, Sichtung, Erfassung und Zustandsbestimmung analoger Videobänder.

Zur Grundorientierung dienen auf den Buchdeckel-Innenseiten jeweils Strichzeichnungen der häufigsten analogen Video- und aktuellen digitalen Kassettenformate. Unterstützt wird die Formatbestimmung von Kassetten mit ähnlichem Aussehen durch Klappentexte mit zusätzlichen Anhaltspunkten. Die genaue Identifizierung ist nicht nur wichtig für die Erfassung eine Videos, sondern auch Voraussetzung für die Sichtung des Inhalts. Üblicherweise benötigt jedes Format sein individuelles Abspielgerät. Schritt für Schritt – jeweils mit Foto und Text – bringen Agathe Jarczyk und Joanna Phillips Verstehen und Beurteilen des Materials näher – inklusive einem „Datenblatt zur Erfassung von Videobändern“ als Vorlage.

Im Hauptkapitel listet das Autorenteam Phänomene und Ursachen von 28 häufigen Bildstörungen wie beispielsweise Bandführungsfehler, zerknitterten Bändern, vertikalem Bildsprung oder verschmutzten Wiedergabeköpfen auf. Genannt werden jeweils Synonyme und verwandte Begriffe, es folgt die Beschreibung des Phänomens an sich, seiner möglichen Ursachen und des weiteren Vorgehens. 61 Videosequenzen der beiliegenden DVD ergänzen die Informationen in Ton und Bewegtbild.

Im technischen Kapitel (begleitet von vielen Abbildungen) gibt Johannes Gfeller einen kurzen Überblick in die Entwicklungsgeschichte und erläutert Grundlagen zur Videotechnik. Irene Schubinger vermittelt den kunstwissenschaftlichen Bereich: Bildstörungen, die in der analogen Videokunst bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt wurden, beispielsweise von Nam June Paik, Bill Viola oder Ulrike Rosenbach. Sämtliche verwendeten Fachbegriffe erklärt das Glossar zur Videoterminologie (von „Abtastwinkel“ bis „Zeilensprungverfahren“) und weiterführende Literatur wie Webseitenhinweise runden das Thema ab.

Infos zur beigefügten DVD
Die DVD zum Buch (auffallend in den Buchdeckel integriert und durch einen Kunststoffumschlag geschützt) enthält 61 beispielhafte Videosequenzen. Viele dieser Bildstörungen sind erst im Underscan-Modus eines Monitors erkennbar (d.h. das Bild erscheint verkleinert und damit unbeschnitten auf dem Bildschirm). Da dieser Modus nur bei professionellen Monitoren eingestellt werden kann, wurden für die DVD die Sequenzen in ihrer Breite und Höhe skaliert, so dass alle Zeilen gesehen werden können. Um die Bildstörungen beurteilen zu können, wird empfohlen, die DVD mithilfe von DVD-Player und Röhrenmonitor zu sichten. Sie kann aber auch auf einem PC betrachtet werden.

Résumé
Zugegeben, das erstmalig veröffentlichte neue Buch hat mit 105 Euro einen stolzen Preis… Mit einer Hardcoverbindung im DIN A4- Format ist es mit 272 Seiten als Handbuch entsprechend groß und eher repräsentativ (auch durch seine klare Gestaltung). Als zweisprachiges Kompendium besticht es durch seine Fülle an Texten und Abbildungen, die zum gezielten Nachschlagen wie auch Stöbern einladen. Zusammen mit der beigefügten DVD ist es ein Grundlagenwerk für alle die, die sich im Bereich der Erhaltung von Video fortbilden und gesicherte Informationen nachlesen möchten.

Über das Autorenteam
Johannes Gfeller ist seit Herbst 2001 Professor und Leiter des Master-Studiengangs Konservierung neuer Medien und Digitaler Information KNMD an der staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

Agathe Jarczyk ist Konservatorin-Restauratorin für Moderne Materialien und Medien mit Schwerpunkt Videokunsterhaltung und hat bereits zahlreiche Videokunstwerke internationaler Museen und Sammlungen in dieser Funktion betreut.

Joanna Phillips ist seit 2008 Konservatorin-Restauratorin für zeitgenössische Kunst am Solomon R. Guggenheim Museum in New York mit Schwerpunkt Medienkunsterhaltung.

Irene Schubiger war von 2004-2011 im Forschungsprojekt AktiveArchive des schweizerischen Bundesamts für Kultur (Dokumentation und Erhaltung elektronischer Kunst) an der Hochschule der Künste Bern und am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA).

GFELLER, Johannes et al (2013): Kompendium der Bildstörungen beim analogen Video, Buch mit 1 DVD (PAL, Farbe & s/w, 4:3), Vertrieb über den Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich, 105 Euro

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