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Naemi Reymann ~ Sehenswert ist die aktuelle Ausstellung im Museum für neue Kunst in Freiburg, die noch bis 8. September gezeigt wird.

Jeder einzelne hat einen Effekt, ob er/sie nun handelt oder eben nicht. Von diesen Wechselbeziehungen um ökologische Fragestellungen handelt die Ausstellung. Sie befasst sich mit der Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Und sie ist interaktiv angelegt, will Besucher an diesen Wechselbeziehungen zwischen handelndem Mensch und Umwelt aktiv einbinden. Die von Museumsleiterin Christine Lit kuratierten Arbeiten stammen von nationalen und internationale Künstlerinnen und Künstlern. Regionale Partnerin ist unter anderem die Echtwald-Initiative. Sie renaturiert Nutzwälder und ermöglicht über künstlerische Projekte einen anderen Zugang zu diesem Ökosystem. Ein weiterer Partner ist das Theater Freiburg, wo das Planspiel Regiodrom stattfand. Im Schau_Raum wird der monumentale Dokumentarfilm Unsere Erde (Regie: Alastair Fothergill und Mark Linfield) mit faszinierenden Naturschauspielen gezeigt.

Ich hatte Gelegenheit, im Rahmen des Workshoptags UM_Schichten mehr über den urbanen Garten »Bambis Beet« vor dem Theater Freiburg zu erfahren und die Endphase beim Bau von Recyclingmöbeln aus alten Zeitungen, Holz und besonders Fahrradschläuchen zu erleben (Ästhetik, Komfort, Design und Funktionalität dieser Recyclingprojekte mal außer Acht gelassen – denn ich frage mich da immer wieder, wie viele Stühle braucht der Mensch…) und die aktuelle Ausstellung im Neuen Museum zu sehen. In besonderer Erinnerung ist mir die phantasievolle 40minütige Videoarbeit von AES+F: Allegoria Sacra (2011-2012) hat als Vorbild Giovanni Bellini’s Allegoria Sacra, die sich in den Uffizien in Florenz befindet. Die gezeigte Arbeit ist der dritte Teil einer Videotrilogie zu Hölle, Paradies und Fegefeuer. Die Figuren des Gemäldes (darunter der heilige Sebastian, die Madonna, ein Zentaur, kleine Kinder, ein Sarazene und schöne Frauen) kommen in einem modernen Transitraum der heutigen Zeit zusammen: Einer Flughafenhalle (5-minütiger Trailer bei vimeo).

Wenig anfangen konnte ich mit Robert Morris »See Saw«, bei der sich mehrere Besucher auf einer Art Holzwippe ausbalancieren konnten. Ich fand diese Arbeit in der Ausstellung »Move – Kunst und Tanz in den 60ern«, die ich Ende 2011 in der Kunstsammlung NRW sah, dort besser platziert als hier. Ein Wiedersehen gibt es mit der »Capri Batterie« und »Pala«, einem der Spaten der Documenta 7-Aktion der 7.000 Eichen in Kassel von Joseph Beys.

Andere banden die Besucher anders ein: Bei Guy Ben-Ner ist das Interface zur Filmsteuerung ein umgebautes Fahrrad: Der Film läuft nur bei aktivem Strampeln. Song Dong lässt Besucher Wasserkalligrafie auf einen Steinblock anfertigen. Und Amy Balkin und weitere zeigten das weiter wachsende A People’s Archive of Sinking and Melting (As of Doha): Artefakte aus aller Welt, die von Orten stammen, die durch Klimaveränderungen vor dem Verschwinden bedroht sind: Gletscherregionen oder Städte, die bei stiegendem Meeresspiegel unter Wasser liegen werden – beispielsweise Venedig oder Inselstaaten wie Kiribati, Nauru oder die Malediven. Die Archivseite mit Datenbank wächst weiter.

Sebastian Gräfe schnappte sich für »A Good time with friends« die Pflanzen der Mitarbeiter, die im Museum sind und unternahm mit ihnen dokumentierte Ausflüge: Mit einem Kaktus stieg er auf den Münsterturm, mit einer Palme wurde Basketball gespielt, andere Pflanzen wurden zum Fahrradausflug an die Dreisam mitgenommen, Schachpartner usw.

Ungewöhnlich die Arbeiten, die sich mit Produktionsabläufen befassen: Mika Rottenbergs Video »Tropical Breeze« überrascht mit zwei Frauen in einem LKW, die ein neues Produkt herstellen: Eine sehr gelenkige Frau schickt über eine Seilwinde im Laderaum Tücher zur muskulösen Fahrerin, die sich damit Schweiß abwischt, dieses Tuch wiederum wird in Feuchtigkeitstuchboxen mit der gleichnamigen Aufschrift verpackt… Markus Kaysers Video Solar Sinter (2011) zeigt, wie mit Sonnenlicht und Sand in der Wüste mit Hilfe eines 3D-Druckers Glasobjekte hergestellt werden – an der Schnittstelle zu Kunst, Wissenschaft und Science-Fiction. Thomas Thwaites‚ »The Toaster Project« (2010) sieht auf den ersten Blick aus wie ein extrem hässlicher, plump gestalteter Toaster aus. Aber erfährt man durch die Dokumentation seine Geschichte, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus: Der Designer befasst sich mit unserem Verhältnis zu technischen Luxusgütern. Mit Massenproduktion und Wegwerfprodukten. Bei diesem Projekt baut sich Twaites seinen eigenen Toaster. Und alle Materialien, die er dazu braucht, stellt er selbst her: Neun Monate lang war er insgesamt 1.900 Meilen für sein Projekt in Großbritannien unterwegs und gab insgesamt rund 1.400 Euro aus für ein Produkt, das man im Geschäft für bereits 15 Euro bekommt. Um beispielsweise Metall extrahieren zu können, brauchte er einen Kamin, Laubbläser, Föne und handwerkliche Methoden aus dem 15. Jahrhundert. Thwaites brachte zum Projekt ein Buch heraus. Statt Katalog zur Ausstellung entschied man sich für eine großformatige Zeitung, die während des Ausstellungsverlaufs aktualisiert werden kann.

Mit: Amy Balkin, AES+F, JosephBeuys, Song Dong, Jimmie Durham, Simon Dybbroe Møller, Clegg&Guttmann, Tue Greenfort, Sebastian Gräfe, Markus Kayser, Reinhard Klessinger, Till Krause, Atelier Van Lieshout, Eva Meyer-Keller und Sybille Müller, Robert Morris, Daniela Nadolleck, Guy Ben-Ner, Tobias Rehberger, Daniel Roth, Mika Rottenberg, Andreas Slominski, Vincent Tavenne, Thomas Thwaites, Jan Timme und Ina Weber.

Museum für Neue Kunst Freiburg – 17. Mai bis 8. September 2013

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