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rheines_wasser_web ~ Naemi Reymann ~„Ein großes Abenteuer und ein Plädoyer für den Schutz der Gewässer.“ Der Klappentext des Buchs von Rheinschwimmer Andreas Fath trifft es bereits auf den Punkt. Der Chemieprofessor (Jahrgang 65), der sonst an der Hochschule Furtwangen lehrt, ist seit seiner Jugend ein begeisterter Schwimmer (u.a. wurde er auch Deutscher Meister im Freiwasserschwimmen) wagte im Sommer 2014 das Abenteuer seines Lebens. Er schwamm 1231 Kilometer mit dem Strom, drei Wochen lang den Rhein entlang. Seine Tour ging in 25 Etappen von der Quelle in den Alpen bis zur Mündung in der Nordsee.

Bei dieser Unternehmung stand allerdings nicht nur der sportliche Aspekt im Fokus (er ist überhaupt erst der dritte Mensch, der den Rhein entlang schwamm), ihn beschäftigt der teils bedenkliche Zustand der Gewässer. Und so standen für ihn und sein Team immer wieder Probenentnahmen und wissenschaftliche Untersuchungen an, über deren teils bedenkliche Ergebnisse er in diesem Buch berichtet. Dies vorab: Das Buch selbst ist im DINA5-Format mit 224 Seiten eine sowohl spannende, wie anrührende wie auch aufregende Lektüre. Es ist auch eine Art Reisebuch (auch wenn er einen sehr ungewöhnlicher Reiseweg beschreibt), es liest sich locker (auch da er im Präsens schreibt) und ist teilweise sehr persönlich. Man erfährt einiges auch über den Menschen Andreas Fath und seine Beziehung zum Wasser, aber auch mehr darüber, was wir mit unseren Gewässern anstellen.

„Rheines Wasser“ rüttelt auf, das Wasser mehr zu schätzen und zu schützen – und es zeigt Lösungswege.

Wie einige andere Menschen auch nahm ich die Gelegenheit wahr und verfolgte seine Tour im Sommer 2014, unter anderem durch die Berichte auf der Projektseite www.rheines-wasser.eu (man konnte teilweise sogar online verfolgen, wo sich der Schwimmer befand – wie damals beim Versuch mit der Plastikschwimmente). Ich war sowohl bei seiner Ankunft wie auch beim Weiterschwimmen in Düsseldorf vor Ort und traf ihn. Für ihn begann ab Düsseldorf plötzlich der Herbst, da das Wetter umschlug und es ungemütlich kühl wurde… Rund ein halbes Jahr später präsentierte Fath bei seinem früheren Arbeitgeber, dem Armaturenhersteller Hansgrohe beim „Wassersymposium“ im Schwarzwald erste Ergebnisse und führte mit uns einen spannenden Workshop durch. Die Neugier auf das angekündigte Buch zur „Rheines Wasser“-Tour und dessen Mess-Ergebnisse wuchs bei mir immer mehr…

Faths Buch ist ein Plädoyer für den sorgfältigen Umgang mit unserem kostbarsten Gut, dem Wasser. Effektiver Gewässerschutz, Wasser sparen, intelligente Abwassersysteme einsetzen und verhindern, dass Stoffe wie Antibiotika und Mikroplastik gar nicht erst in unser Wasser und letztendlich unsere Nahrung gelangen können!

„Rheines Wasser“ gliedert sich auf in fünf Kapitel, Prolog, die Tour (mit sieben Unterkapiteln der Rheinabschnitte), einem Epilog und einem Ausblick. Das einzige, was ich dem Buch eventuell noch wünschen würde, wäre ein Glossar, da er didaktisch geschickt viel Wissenswertes aus dem Bereich der Chemie zur Umwelt unterbringt, so nebenbei! Bereits beim Workshop dachte ich mir, dass seine Chemiestundenten zu beneiden sind, einen so guten Lehrer zu haben! Und ich freue mich darüber, dass er dieses Buch auf den Weg gebracht hat!

Fath zeigt teilweise überraschende Blickwinkel, die Lektüre ist bei aller Brisanz kurzweilig und erfrischend und fast philosophisch. Ich kann es als Taucherin gut nachvollziehen, dass für ihn „das Schwimmen ein ritualisierter Ausstieg aus dem Alltag sein kann“. (Wenngleich ich die beiden Textstellen an Thomasee und Jura mit Sauerstoffflaschen in Verbindung mit Tauchen nach wie vor nicht verstehe – ist eventuell der Einsatz von Druckluftflaschen gemeint?

Am Anfang der großen Tour

stehen die Vorbereitungen und der Impuls: Die Anträge für ein Analysegerät zur Abwasserreinigung werden abgelehnt, immer wieder und so kommt der im Flussschwimmen Erfahrene auf die aufmerksamkeitsstarke wie herausfordernde Idee, die Fördergelder eben schwimmend einzuwerben.

Fath sagt selbst, dass er damit auch seine drei Lieblingsthemen Wasser, Chemie und Schwimmen in einen sinnvollen Zusammenhang bringt.

Diese Unternehmung gelingt nur durch Rückendeckung von Familie, Freunden, Arbeitgeber und Teamwork. Ebenfalls ein Ziel:

Aufmerksamkeit zu wecken für die vielen Wege, die wir normalen Konsumenten beschreiten können, um unsere Gewässer zu schützen, Wasser zu sparen und – auch wenn es vielleicht etwas groß und vermessen klingen mag – damit sogar Kriege um Wasser wie in Bolivien zu verhindern. (Andreas Fath)

 

Start der Tour

Nach einem Jahr intensiver Vorbereitung ist es soweit und er beginnt seine ungewisse Tour am 28.7.2014 im Thomasee in der Schweiz. Trocken kommentiert sein Sohn Leo dies: „Komm Vadder, stell dich ned so an, des bissle Schwimme.“ Wir ahnen, es wird nicht einfach…

Fath wird überall im Rhein schwimmen, wo es möglich ist und behördlich erlaubt ist. Die Hauptaufgabenstellung ist, mehr über die Mikroplastikbelastung aber auch Süßstoffe, Korrosions- und Pflanzenschutzmittel bis hin zu Pharmazeutika im Rhein in Erfahrung zu bringen. Erschreckenderweise sind bereits in einer wenig besiedelten Region wie am Thomasee bereits Mikroplastikpartikel und sogar PFT (enthalten in Feuerlöschschäumen) zu finden. Er schwimmt die Wildwasser-Strecke im „Grand Canyon Europas“ und schwimmt Manöver wie „Seitfähren„ und Kehrwasser, gelotst durch sein Kajakteam. Auch wenn man weiß, dass er wohlbehalten angekommen ist, man bangt trotzdem mit ihm mit, an Hindernissen wie Bojen, Brückenpfosten, Verletzungen, Hadern, ob er weiter schwimmt angesichts von Strapazen, Seekrankheit auf einem Boot und dem immer weiter zunehmendem Medieninteresse mit seinen Vor- und Nachteilen.

In Düsseldorf wurde ich Zeugin, wie er beim Losschwimmen länger als geplant am windigen Strand warten musste, da sich angekündigtes Boot mit Fernsehteam erheblich verspätet hatte… Fath schildert aber auch Glücksmomente, man spürt die Kraft des Familienrückhalts, die pure Freude, mit einem der Söhne oder guten Freunden immer wieder ein Teilstück schwimmen zu können und die zahlreichen Begegnungen mit weiteren Menschen. Der Rheinschwimmer kommt auch sportiv durch Orte, mit denen er eigene Geschichte, seine Heimat wie die Ortenau verbindet. Als weiteren interessanten Aspekt bringt uns sein „Roadmovie“ (die Tour wurde auch von einem studentischen Medienteam filmisch begleitet) bringt uns auch den Rhein als Landschaft näher, ein weiterer interessanter Aspekt. Der lange Fluß als Transportmittel, Naherholungsgebiet, Wirtschaftsader und Kulturgut. Es ist lebendig erlebte Landeskunde, nicht nur für Faths Familie. Die vielen Schwarzweiß-Fotos illustrieren viele Eindrücke und Begegnungen mit Orten und Menschen am Rhein. Faszinierend seine Beobachtung angesichts der vielen Eindrücke beim Schwimmen, dass er seine Träume am Tage erlebe und sich nachts beim Schlafen davon erhole…

 

30 Jahre nach Tschernobyl und dem Sandoz-Skandal

Sein Buch ist aber auch hochpolitisch, in diesem Jahr jährt sich zum 30. Mal die Katastrophe von Tschernobyl (Fath schwimmt bei seiner Tour ebenfalls an Kernkraftwerken vorbei) sowie die Umweltkatastrophe von Sandoz, die sich am 01.11.1986 bei Basel ereignete. Denn auch wenn seitdem viel passiert ist in Bezug auf Gewässerschutz, gibt es immer wieder Rückschläge (2015 gelangten beispielsweise hohe Menge Perfluorierte Tenside (PFT) bei Düsseldorf in den Rhein. Faths Aufruf: „Deshalb darf man nicht nachlassen, wenn es um die Reinhaltung unserer Gewässer geht.“ Auch Themen wie Abwässerreinigung spricht er an und äußert sich teilweise auch sehr kritisch (beispielsweise beim Thema Aktivkohle und CO2-Bilanzen).

Die Tour mit langen Strom steht unter einem guten Stern: Selbst wenn er sich verschwimmt und sich ungewollt in Naturschutzgebieten und im Industriehafen befindet, Beamte drücken ein Auge zu und während der gesamten Tour geschehen keine großen Unfälle oder unerfreulichen Ereignisse – weder bei ihm noch im Team.

Der Rhein ist nicht mehr auf der Intensivstation,
aber immer noch ein Patient!

Beim Kapitel über den Mittelrhein geht Fath mehr in die Chemiematerie und erklärt, wieweit welche Stoffe die Wasserqualität beeinflussen. Es geht um Phosphat, Nitrat, den chemischen Sauerstoffbedarf (CSB-Wert). Und: Rheinabwärts ist ein Anstieg aller dieser Stoffe bei fast allen Parametern feststellbar. Wir Menschen nehmen viel zu viel Stoffe auf, die wir teils direkt wieder ins Wasser abgeben, so beispielsweise das Süßstoffmittel Acesulfam.

 

Fath schwimmt weiter, Bingen – Loreley darf er nicht, aber an Strecken danach. Eine Erkenntnis „Wasser lässt sich nicht beherrschen“, bestenfalls ergäbe sich eine Symbiose, die eine unglaubliche Harmonie birgt“. Und er wird plötzlich von einer Schwimmerin begleitet, Moselle Adams, sie plant, als erste Frau den Rhein zu durchschwimmen. Der erste Rheinschwimmer war übrigens der inwzischen verstorbene Klaus Pechstein, mit dem Fath auch in Kontakt stand. Es folgen die Strecken am Niederrhein mit seiner Beobachtung und Freude über Brücken als „Zivilisationszeichen“ nach längeren einsamen Passagen. Solche Beschreibungen kannte ich bis dahin nur von Pilgern, die Ortschaften auf ihrer Strecke ähnlich freudig wahrnehmen. Wenn man in einer so zersiedelten Landschaft wie beispielsweise im Rheinland oder Ruhrgebiet lebt, bekommt man einen anderen Blick. Bei Radtouren kenne ich den Rheinturm als Blickachse in und um Düsseldorf. Schön zu lesen, dass für Fath der Turm beim Schwimmen ebenso ein Orientierungspunkt ist. Ich kann nur vermuten, dass sein Buch für jeden, der am Rhein lebt, solche Geschichten birgt… Die Tour geht weiter, das Wasser schmeckt ihm schließlich salzig, er erreicht schwimmend das Meer, die Nordsee, den Atlantik.

Lösungsansätze und Eigenverantwortung

Zum Schluß widmet sich Fath weiter dem Thema Mikroplastik und Lösungsansätzen, das Problem zunehmender Zersetzung mit Mikro-, Makro- und Nanoplastik in unserer Umwelt anzugehen. Dazu gibt es bereits konkrete Lösungen. Das Fazit von Andreas Fath:

Es war eine lange Reise, die mich bis an meine Grenzen geführt hat. Ein einmaliges Erlebnis mit vielen positiven Begegnungen.

Und er bedankt sich bei all denen, die es möglich machten: Bei seiner Familie, dem starken Team, den viele Unterstützern und allen Menschen, die ihm unterwegs Mut zusprachen. Ich wünsche mir dieses Buch als Teil von Schullektüre, es ist erlebte Bildung für nachhaltige Entwicklung, verbunden mit einer großen Empathie für das Wasser!

FATH, Andreas: Rheines Wasser – 1231 Kilometer mit dem Strom, 2016, Carl Hanser Verlag, München, 20 Euro, ISBN 978-3-446-44871-1

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Auch als epub eBook  erhältlich

Projektwebseite www.rheines-wasser.eu

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